Protestverhalten bei Tieren

Wer ein Haustier hat, der liebt es auch. Das ist ganz klar, denn sonst hätten wir ja kein Tier. Es wird verwöhnt, darf häufig sogar mit im Bett schlafen, wird medizinisch bestens versorgt und auch über kleine Erziehungsfehler sehen wir großzügig hinweg.
So weit so gut.
Leider ist es mit der Liebe dann oft aber schnell vorbei, wenn unser Liebling plötzlich unsere Wohnungseinrichtung beschädigt oder wir seine Hinterlassenschaften auf dem Teppich finden.
Schnell sind wir mit unserem Urteil dabei: "das hat er extra gemacht, um mich zu ärgern", "das passt ihm nicht, das macht er aus Protest". Scheinbar bestätigt wird unsere Feststellung durch das "schlechte Gewissen", das unser Tier offensichtlich zeigt, wenn wir die Missetat entdecken. "Der weiß ganz genau, was er gemacht hat".
Schuldig im Sinne der Anklage!

Ethologisch gesehen gehört das Absetzen von Kot und Urin bei Hunden und Katzen zur normalen innerartlichen Kommunikation. (wer war wo und um welche Zeit? Welches Weibchen ist gerade fortpflanzungsfähig?) Manche Hunde wälzen sich sogar in Kot (sie "parfümieren" sich damit), andere fressen den Kot fremder Tiere.
Woher soll der Hund oder die Katze also wissen, dass Kot für uns Menschen abstoßend ist?

Und jeder, der seinem Hund etwas beibringen möchte, kennt die berühmte halbe Sekunde, die wir Zeit haben, unserem Hund zu sagen: das war klasse, dafür bekommst du eine Belohnung.
Denn unsere Tiere können nur dann zwei Dinge miteinander verknüpfen, wenn sie zeitlich dicht aufeinander folgen. (Das wird als Konditionierung bezeichnet.)
Wie schön wäre es doch, wenn wir unserem Hund ein Schweineohr versprechen könnten, dass er nach dem Spazierganz erhält, wenn er diesmal keine Hasen jagen würde. Können wir aber nicht, denn Hunde können nicht so komplex denken und nicht gedanklich in Zeit und Raum hin und her springen wie wir. (Das gilt natürlich ebenso für Katzen und alle anderen Tiere.)
Daher ist es absurd, wenn wir z.B. unserer Katze unterstellen, sie würde während unseres Urlaubs in die Wohnung koten, um uns dafür zu bestrafen, wenn wir aus dem Urlaub zurückkehren.

Eigentlich alles ganz klar und logisch. Und dennoch können wir uns nicht vom dem Gedanken des Protestverhaltens verabschieden.

Das Problem liegt im Anthropomorphismus – in der Vermenschlichung.
Wer kennt nicht Lassie oder Boomer? Auch in Zeichentrickfilmen und Bücher werden Tiere vermenschlicht. Sogar Katzen und Schafe werden heute zu Romanfiguren, die rational denken, moralisch handeln und komplexe Probleme (wie z.B. Morde) lösen können. Solange wir uns darüber im Klaren sind, dass es sich nur um Roman- bzw. Filmfiguren handelt, ist dagegen nichts einzuwenden.
Problematisch wird es allerdings, wenn wir auch unseren Haustieren all diese Fähigkeiten und unsere Gefühle zugestehen.
Denn dadurch entsteht bei uns schnell Frust und Ärger, wenn der Hund beispielweise unsere guten Schuhe zerbissen hat. "Er weiß doch genau, dass er das nicht darf". Macht er es trotzdem, hat er also Strafe verdient. Und er weiß ja auch, dass es falsch war. Wie er da mit hängendem Kopf und zurückgelegten Ohren herumschleicht - das personifizierte schlechte Gewissen."
Der Leidtragende ist der Hund.

Natürlich haben auch Tiere ein Gefühlsleben, aber sie handeln weder moralisch noch hegen sie Rachegedanken. Sie kennen weder gut noch böse und gehen auch nicht auf die Straße um zu protestieren.
Hunde zerbeißen Schuhe, weil Schuhe in Hundeaugen zum Zerbeißen da sind. Was soll Hund auch sonst damit anfangen? Auf etwas herumzukauen ist ein hundliches Bedürfnis. Solange wir unserem Hund keine adäquate Alternative anbieten, wird er auch weiterhin unsere Schuhe zerhäkseln. (Ebenso wie das Kratzen bei Katzen zum Komfortverhalten gehört. Wenn wir nicht für annehmbare Kratzmöglichkeiten sorgen, wird sie halt unsere Tapete zum Kratzen umfunktionieren.)
Bestrafen wir unseren Hund, wenn er unsere Schuhe zerkaut, lernt er folgendes: In Ihrer Nähe ist das Zerkauen von Schuhen gefährlich. Also wird er künftig Ihre Schuhe nur noch zerkauen, wenn Sie nicht anwesend sind. Denn dann ist es für ihn ungefährlich. Dass er Ihre Schuhe nicht zerstören soll – davon weiß er nichts.
Wenn wir dann nach Hause kommen und die Bescherung entdecken, droht dem Hund ein großes Donnerwetter. "Das hat er doch extra gemacht, weil wir ihn allein gelassen haben."
hund beschwichtigtUnd wieder lernt der Hund: Die Rückkehr seines Besitzers in Kombination mit den kaputten Schuhen ist für ihn unangenehm. Beim nächsten Mal wird er also versuchen, drohendes Unheil abzuwenden: Er legt die Ohren zurück, macht sich klein, zieht den Kopf ein und versucht so den aufgebrachten und schimpfenden Besitzer zu besänftigen.
Was der Hund zeigt, ist kein schlechtes Gewissen sondern Beschwichtigungsverhalten, weil sein Besitzer so aufgebracht ist. Das mit den Schuhen und dem Zerkauen – das weiß er nämlich immer noch nicht.

Auch Unsauberkeit während unserer Abwesenheit wird leider häufig als Protestverhalten interpretiert. Allein die Tatsache, dass der Hund in der Regel mehrere Stunden einhalten kann, führt zu der Schlussfolgerung, dass unser Hund sich dafür rächen will, weil wir ihn diesmal nicht mitgenommen sondern 2 Stündchen allein gelassen haben.

Submissives Urinieren ist eine Demutsgeste und kommt bei besonders unterwürfigen Hunden häufig vor. Dabei liegt der Hund auf dem Rücken und klemmt den Schwanz unter den Bauch. Diese eigentlich infantile Geste löst bei anderen Hunden Beißhemmung aus.
Wurde der Hund bei der Rückkehr seines Besitzers bereits schon mal für etwas bestraft, kann es sein, dass er in Zukunft bereits dieses submissive Verhalten zeigt, wenn er den Türschlüssel oder die Schritte seines Besitzers im Hausflur hört.

Viele Hunde, die die meiste Zeit mit ihren Besitzern verbringen, haben auch nicht gelernt, allein zu bleiben. Der Besitzer geht, und der Hund weiß nicht, dass er auch wiederkommen wird. Der Verlust von Sozialkontakt führt zu Erregung und Angst.
Es gibt eine große Anzahl von psychosomatischen Symptomen die bei Angst und Stress auftreten können: Durchfall und Verstopfung, Magenschmerzen, lähmungsartige Zuständige, Inkontinenz und Hauterkrankungen. Jeder von uns hat einige dieser Symptome bereits selber schon erlebt, wenn er aufgeregt war und auch in unseren Sprachgebrauch haben sie Einzug gefunden: das schlägt mir auf den Magen; sich vor Angst in die Hose machen usw.

Das alles sind Reaktionen des vegetativen Nervensystems, die wir nicht bewusst steuern können. Unser Hund natürlich ebenso wenig.
Hunde, die während der Abwesenheit ihrer Besitzer unsauber sind, protestieren also nicht – sie leiden. Verschlimmern Sie dieses nicht noch durch unberechtigten Ärger und Bestrafung, weil Sie falschen Vorstellungen nachhängen.

Unsere Haustiere sind keine kleinen Menschen mit Fell. Hören wir endlich auf, ihnen eine Moral und Verantwortlichkeit überzustülpen, die sie nicht haben, und betrachten wir sie als das was sie sind: als Hunde und Katzen. Lieben können wir sie trotzdem!

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